Vortrag: 12.30 Uhr | Franjo Grotenhermen (Rüthen)


»Cannabis und Selbstmedikation: Wenn Patienten zu ihren eigenen Ärzten werden«

Seit 1998 ist reines THC, auch Dronabinol genannt, in Deutschland verschreibungsfähig. Seit 2011 sind darüber hinaus Sativex, ein Cannabisextrakt, der als Mundspray verabreicht wird, und seit 2017 Nabilon, ein Abkömmling des THC mit ähnlicher Wirkung unter dem Präparatenamen Canemes, für bestimmte Indikationen (Spastik bei multipler Sklerose von Erwachsenen, Übelkeit und Erbrechen aufgrund einer Zytostatika-Therapie) arzneimittelrechtlich zugelassen. Zwischen 2007 und 2017 haben etwa 1050 Patienten von der Bundesopiumstelle in Bonn eine Ausnahmeerlaubnis zur Verwendung von Medizinalcannabisblüten aus der Apotheke nach § 3 Abs. 2 BtMG erhalten.

Bis zur Verschreibungsfähigkeit von Cannabisblüten und der Verpflichtung der Krankenkassen unter bestimmten Voraussetzungen durch die Verabschiedung des Cannabis als Medizin-Gesetzes durch den Deutschen Bundestag im Januar 2017, das am 10. März 2017 in Kraft trat, wurde Cannabis notgedrungen von der weit überwiegenden Zahl deutscher Patienten außerhalb medizinischer Institutionen illegal verwendet, um eine Vielzahl von Leiden selbst zu behandeln. Aufgrund von Schätzungen aus anderen Ländern, in denen Cannabis schon länger verschrieben wird, kann der Anteil der Bevölkerung, der medizinisch von Cannabis profitiert, auf etwa 1-2 % der Bevölkerung geschätzt werden. Das würde für Deutschland 800.000-1.600.000 Patienten entsprechen.

So verwundert es nicht, dass die meisten Patientinnen und Patienten, die eine Ausnahmeerlaubnis von der Bundesopiumstelle zur Verwendung von Cannabisblüten aus der Apotheke erhalten haben, bereits vorher im Rahmen einer Selbstmedikation festgestellt hatten, dass die Droge ihre Symptome und Erkrankungen lindert. Die Ausnahmeerlaubnisse führten dazu, dass diese Behandlung nunmehr von Ärzten begleitet wurde. Die Erlaubnis erfolgte ausdrücklich für eine „ärztlich begleitete Selbsttherapie“.

Zwei Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes können wir feststellen, dass die Zahl der Patienten, die Cannabis und cannabisbasierte Medikamente vom Arzt verschrieben bekommen, deutlich zugenommen hat. Die Zahl der Patienten, die eine Kostenübernahme durch Ihre gesetzliche Krankenkasse besitzen, wird heute auf etwa 15.000 geschätzt. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Patienten, die ihre Medikamente selbst bezahlt. Die Diskrepanz zwischen dem hohen Bedarf und der realen, zwar deutlich gestiegenen, aber dennoch noch recht geringen Zahl ärztlich behandelter Patienten, lässt erahnen, dass die illegale Selbstmedikation weiterhin die vorherrschende Therapie mit Cannabis in Deutschland darstellt.

Dies liegt unter anderem daran, dass es bei Ärzten und Krankenkassen Indikationen gibt, die eher als mit Cannabis therapiebedürftig betrachtet werden als andere. So sind Patienten insbesondere bei psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Zwangsstörungen und ADHS weiterhin weitgehend auf sich gestellt. Aber auch viele Erkrankungen, wie etwa Reizdarm oder Tinnitus, werden kaum als therapiebedürftig mit Cannabis betrachtet, weil klinische Studien fehlen oder sie nicht als schwerwiegend betrachtet werden.

Dr. med. Franjo Grotenhermen
Privatärztliche Praxis

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