Arbeitsfeld Sorgerecht

Suchthilfe, Justiz und Jugendhilfe –fördern durch fordern

14.00 Uhr - Stephanie Kunz:
Wie lassen sich Sorgerecht als „positiver Verstärker“ im Rahmen des CRA – Ansatzes und Sicherung des Kindeswohls zusammen bringen? Die Sicht der Suchthilfe                     

14.20 Uhr - Wolfgang Raack:
Sind die Ansätze von Familienrecht und Sozialmedizin kompatibel?
Wie ist der rechtliche Rahmen?
                 

14.45 Uhr - Anke Berkemeyer:
Das Prinzip Belohnung und die Sicherung des Kindeswohls – ein Widerspruch? Die Sicht der Jugendhilfe                    

15.10 Uhr - PAUSE

15.30 Uhr - Fallvorstellungen aus der Suchthilfe

  • Jana Wand: Projekt Kids &Co
  • Kornelia Fricke: Ambulante Rehabilitation
  • Andreas Rohrbach: CRA-Counseler
  • Diskussionen

17.00 Uhr - Ende des Symposiums

Abstracts zu den Kurzreferaten:

Stephanie Kunz: Wie lassen sich Sorgerecht als »positiver Verstärker« im Rahmen des CRA – Ansatzes und Sicherung des Kindeswohls zusammen bringen?  Die Sicht der Suchthilfe

In Deutschland leben über 2 Millionen Kinder und Jugendliche zusammen mit mindestens einem Elternteil, das an Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit leidet. Ca. 40.000 Kinder und Jugendliche leben in Familien, in denen ein oder beide Elternteile illegale Drogen konsumieren (Klein 2003). Kinder aus Familien mit süchtigen Eltern(-teilen) haben ein bis zu sechsfach erhöhtes Risiko, selbst abhängig zu werden. Die innerfamiliäre Dynamik ist bei einer häufig schwierigen sozialen und familiären Situation gekennzeichnet durch Vernachlässigung, Unberechenbarkeit, Instabilität, Konflikte und Gewalt. So werden Kinder alkoholkranker Eltern 2 – 6mal häufiger (körperlich, sexuell, seelisch) misshandelt (Dube et al. 2001). Dies führt dazu, dass Kinder alkoholkranker Eltern oft Verhaltensauffälligkeiten zeigen, wobei Mädchen eher zu internalisierenden Störungen (Ängsten, Depressionen, Selbstverletzungen, auffälligem Essverhalten), Jungen eher zu externalisierenden Störungen (Aggressivität, Gewalt, Dissozialität) neigen. Ausreichend belegt ist auch, dass für Kinder in suchtbelasteten Familien das Risiko, an einer psychischen Störung, insbesondere Angststörungen, Depressionen, antisozialen Persönlichkeits- und hyperkinetischen Störungen sowie posttraumatischen Belastungsstörungen, zu erkranken, deutlich erhöht ist (Velleman 1992).

Suchtkranke Eltern wollen in der Regel genauso gute Eltern sein wie nicht suchtkranke Eltern. Aufgrund eigener belastender Erfahrungen mit Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch in der Kindheit sowie einer hohen Komorbidität (40 – 60% leiden zusätzlich an psychiatrisch relevanten Störungen), einer in Folge des Substanzkonsums schwierigen sozialen (Armut, Verwahrlosung, Arbeitslosigkeit/-unfähigkeit, fehlende soziale Unterstützung, Strafverfolgung) und familiären Situation (Belastung des Partners, alleinerziehende Eltern, häufige Partnerwechsel, Partnerschaftskonflikte/-gewalt) sind sie jedoch bei der Kindererziehung oft überfordert und zeigen niedrige Kompetenzüberzeugungen, ihrer Elternrolle gerecht zu werden (Kröger et al. 2006).

Auf der anderen Seite sind die Familie, eine gute Partnerschaft und die Versorgung der Kinder für viele suchtkranke Eltern ein wichtiger Verstärker und Motivationsfaktor, an ihrem Suchtproblem etwas zu verändern. Bricht dieser Verstärker weg, weil sich der gesunde Partner trennt oder z.B. die Kinder aus der Familie genommen werden, verlieren Suchtkranke häufig den Mut und die Motivation, weiterzukämpfen. Verlust- und Schuldgefühle sowie das Gefühl, wieder in einem Punkt des Lebens gescheitert zu sein, einen Lebenssinn / -aufgabe verloren zu haben, führen häufig zu erneutem, dann oft auch exzessivem Konsum, »weil dann sowieso alles egal ist«. Mehrere Studien (Fuchs et al. 2008, Meier et al. 2004, Hasler et al. 2001) haben gezeigt, dass eine tatsächlich ausgeübte Elternrolle bei Suchtkranken bis zu einem gewissen Grad stabilisierend wirken kann.

Die Suchthilfe steht in dem Dilemma, dass nur ein Bruchteil der Betroffenen überhaupt Hilfe aussucht und die Kontaktaufnahme zum Jugendamt, die als Eingriffsbehörde bei den Klienten häufig ein eher negatives Image hat, unter Umständen als Vertrauensbruch gewertet wird. Auf der anderen Seite muss das Wohlergehen des Kindes berücksichtigt werden. Mit Behandlungskonzepten wie dem CRA - bzw. dem CRA-FT - Ansatz, Paartherapie, Rehabilitationsbehandlung, Suchtberatung, Selbsthilfegruppen, u.a.  kann die Suchthilfe effektiv unterstützen. Um Verhaltensänderungen bei den Suchtkranken  erreichen zu können, müssen »Belohnungen« für die Klienten überschaubar und »messbar« sein, d.h. sie sollten Klarheit darüber haben, welche Vorraussetzungen sie erfüllen müssen, um den von der Jugendhilfe zum Schutz des Kindes geforderten Auflagen nachkommen zu können. Erfolgreiche Interventionen erfordern deshalb eine enge Zusammenarbeit von Sucht- und Jugendhilfe z.B. im Rahmen regelmäßiger gemeinsamer Hilfeplangespräche und setzen an mehreren Stellen (Suchtproblematik, Lebenssituation, Eltern-Kind-Beziehung) an.

Kontaktdaten:
Dr. med. Stephanie Kunz
Oberärztin der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Bethel
E-Mail: Stephanie.Kunz@evkb.de

Wolfgang Raack: Justiz und Jugendamt - fördern durch fordern - Bedingungen für ein Zusammenleben mit dem Kind

Die Aneinanderreihungen »Arbeitsplatz, Wohnung, Haftverschonung, Führerschein, Sorgerecht« als Verstärker im CRA - Konzept und »Misshandlung, Missbrauch, Suchtkrankheit und psychische Erkrankung« als Kindeswohlgefährdungen in der Jugendhilfe machen deutlich, dass einer Kooperation noch erhebliche Missverständnisse im Wege stehen.

Hier gilt es deutlich zu machen, dass Sorgerechts- und Umgangsrechtsentscheidungen jeweils nur Einzelfallentscheidungen sein können im Spannungsverhältnis von Kindeswohl und Elternrecht und ein Versprechen »wenn Du eine Therapie machst, bekommst Du Dein Kind zurück« nicht gegeben werden kann, das Prinzip Belohnung hier nicht gelten kann. Statt dessen findet der Patient beim Jugendamt im Rahmen seines Schutzauftrages, § 8a KJHG, Hilfsangebote, die eine erhebliche Kooperationsfähigkeit voraussetzen, andernfalls ihnen durch das Familiengericht durch Weisungen bis hin zu Sorgerechtseingriffen Verbindlichkeit verschafft wird, § 1666 BGB.

Eine differenzierte Sichtweise der unterschiedlichen Gefährdungstatbestände und zugleich gemeinsame Standards für die in der Jugendhilfe Beteiligten bietet das »Handbuch Kindeswohlsgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD)« des Bundesfamilienministeriums und des Deutschen Jugendinstituts - http://db.dji.de/asd/ASD_Inhalt.htm

Im Handbuch finden sich einzelne Beiträge zu den uns interessierenden Problemstellungen. Eine Kooperation wird allerdings systematisch zwar richtig aber nicht zielführend nur mit der Jugendpsychiatrie ausführlich beschrieben. Gleichwohl wird verschiedentlich auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit z.B. mit der Suchthilfe hingewiesen, wobei die Widerstände und beschränkte Handlungsfähigkeit der Klientel beklagt werden. Soweit die Hilfen für die Eltern über die Förderung des Kindeswohls hinausgehen, kommt allerdings das Betreuungsrecht ins Spiel, das die Rehabilitierung des Patienten im Blick hat.

Kontaktdaten:
E-Mail: w.raack@online.de

Anke Berkemeyer: Was ist zu tun, wenn suchtkranke Erwachsene Kinder haben?

Sowohl Sucht- als auch Jugendhilfe beschäftigen sich in den letzten Jahren verstärkt mit der Fragestellung, wie beide Systeme besser zum Wohle ihrer Patienten bzw. Klienten zusammenarbeiten können.

Unterschiedliche Aufträge, unterschiedliche gesetzliche Grundlagen, unterschiedliche Haltungen machen die Zusammenarbeit nicht immer einfach.

Und kann das »Prinzip Belohnung« greifen, wenn insbesondere das Wohl der Kinder in einer Familie gefährdet scheint?

Der Vortrag lenkt im ersten Schritt den Blick auf die Kinder in suchtbelasteten Familien und geht in einem zweiten Schritt auf die Aufgaben, Handlungsweisen und Handlungslogiken des Jugendamtes ein.

Zu guter Letzt nimmt er das Thema »Kooperation von Sucht- und Jugendhilfe«  in den Blick, in dem er einige Ansatzpunkte für eine gelungene Zusammenarbeit aufzeigt.

Kontaktdaten:
Anke Berkemeyer
Jugendhilfeplanerin (insbesondere Teilfachplanung Hilfe zur Erziehung und Kinderschutz) im Amt für Jugend und Familie – Jugendamt der Stadt Bielefeld
Tel.: 0521-518459
E-Mail: anke.berkemeyer@bielefeld.de