Arbeitsfeld Haftvermeidung

Haftvermeidung
Die Erarbeitung einer Chance sich in Freiheit zu bewähren

Ein therapeutisches Angebot, das unter Nutzung der bestehenden Kooperation zwischen dem Netzwerk Soziale Strafrechtspflege Bielefeld und der Forensischen Fachambulanz Bethel der Justiz Möglichkeiten bietet, bei juristischen Entscheidungen durch therapeutisch sinnvolle Weisungen die Resozialisierung zu fördern.

Iris Stahlhut, Richter Ralf Stoffregen, Dr. Bernhard Mayr

Einleitung
In der Begleitung unter Bewährung stehender Menschen entsteht nicht selten der Wunsch nach einer psychiatrischen Unterstützung. Sei es um eine in der Betreuung verunsichernde Problematik fachpsychiatrisch beurteilen zu lassen oder um bei schon gegebener Einschätzung einer psychiatrischen Erkrankung therapeutische Hilfe zu suchen. Gerade bei Suchterkrankungen ist die letztgenannte Situation häufig. Das mit Suchtmittelkonsum verbundene hohe Risiko erneuter Straffälligkeit ist allen in der Unterstützung straffällig gewordener Menschen als wiederholte zentrale Problematik bekannt. Dennoch bestehen wenige Möglichkeiten geeignete Hilfe in Anspruch zu nehmen. Neben den Bedenken der Betroffenen, sich zum Beispiel in therapeutischen Kontakt zu begeben, fehlt oftmals von medizinischer Seite ein adäquates Angebot, das unter anderem auch ausreichende juristische Kenntnisse vorhalten sollte. Psychiatrische Praxen fürchten um deren Ruf durch die Behandlung einer derartigen Klientel.

Seit der Einführung forensischer Nachsorgeambulanzen besteht mit den gegebenen engen Kontakten zu den sozialen Diensten der Justiz (sDdJ) eine hervorragende Möglichkeit ein hierfür geeignetes therapeutisches Angebot zu nutzen bzw. ein Solches zu schaffen. Sie unterliegen auch nicht den oben beschriebenen Bedenken. Die Kooperation mit den sDdJ kann sich über die Klärung der Gesamtsituation und einer Beratung bis in die Erarbeitung eines gemeinsamen Konzeptes erstrecken. Dabei wird insbesondere Wert auf die juristischen und persönlichen Umstände gelegt.

Gerade vor einer juristischen Entscheidung besteht eine erheblich höhere Motivation zu Veränderung, wenn hierdurch der positive Einfluss auf eine juristische Entscheidung möglich erscheint. Der erarbeitete Plan wird in Folgekontakten unterstützt und überprüft. Schließlich besteht direkt vor einer juristischen Entscheidung das Angebot, die erreichten Veränderungen in einer Bescheinigung darzustellen und sie somit in das laufende Verfahren einfließen zu lassen. Insbesondere werden dabei auch therapeutische Vorschläge konkret benannt, die mit dem Angeklagten zusammen erarbeitet wurden. Dadurch soll der Justiz die Möglichkeit eröffnet werden, mit therapeutisch erarbeiteten Vorschlägen durch sinnvolle Weisungen/ Auflagen Alternativen zu Haftstrafen prüfen zu können.

Schließlich kann überlegt werden, ob schon primär seitens der Justiz ein derartiges Modell genutzt werden könnte.

In unserem Symposium werden die für diese Überlegungen aus juristischer Sicht bestehenden Möglichkeiten und Grenzen dargestellt. In Bielefeld besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Netzwerk Soziale Strafrechtspflege Bielefeld und der Forensischen Fachambulanz Bethel, die wir auch anhand eines Fallbeispieles aufzeigen werden. Wir hoffen durch das Zusammenspiel der genannten Institutionen mit der Justiz einen Weg für eine spezifische und damit auch wirksamere Beeinflussung psychisch u./o. suchtkranker und straffällig gewordener Menschen anbieten zu können.

Therapeutisches Konzept
Im Alltag einer Suchtambulanz kann man als Therapeut die herausragende Rolle einer tragenden Motivation für eine Veränderung des Suchtmittelgebrauchs tagtäglich beobachten. Diese Erfahrung erscheint jedem vor dem Hintergrund eigener Erlebnisse im Hinblick auf Veränderungen nichts Neues zu sein. Wer verändert in seinem Leben etwas, wenn er dazu nicht motiviert ist, sich nicht irgendetwas hierdurch zum Besseren wendet oder zumindest eine begründete Hoffnung hierauf besteht? Diese schon alte Erkenntnis wurde als ein zentraler Ansatz in modernen Suchttherapeutischen Konzepten aufgegriffen.

In dem komplexen therapeutischen Konzept des Community Reinforcement Approach (CRA) ist dies eine zentrale Grundlage. Wenn auch eine wörtliche Übersetzung des CRA ins Deutsche (Verstärkende Interventionen im sozialen Umfeld) nicht einfach möglich ist, so betont dieser Ansatz die Bedeutung von im sozialem Umfeld ablaufenden Prozessen für die notwendige und gegebenenfalls therapeutisch zu erarbeitende Motivation. Hier lassen sich entsprechend der Anzahl vorstellbarer Lebenssituationen ebenso viele lohnende Motive vorstellen und nutzen.

Eine ganz besondere Motivation stellt – wie alle im Umgang mit Angeklagten Erfahrenen wissen – das Leben in Freiheit dar. Durch diese Motivation wird zunächst das Erreichen von Abstinenz angestrebt. Die dann ohne Suchtmittelkonsum erlebten eigenen Fähigkeiten stehen zusammen mit den auch auftauchenden Problemen im Mittelpunkt der therapeutischen Bemühungen in dieser frühen Phase. In dieser ist oft eine stringentere und auch häufigere Unterstützung von verschiedenen Seiten notwendig. Mit zunehmender »eigener« Wirkung dieser Erlebnisse kann die Behandlung in einer weniger intensives Angebot übergehen.

Mit der Veränderung der meist als unangenehm wahrgenommene initialen »Fremdmotivation« über das therapeutische Erarbeiten positiver Konsequenzen in eine für den Betroffenen lohnenswerte Situation (Eigenmotivation), entsteht ein viel höheres Potential für eine bleibende, nachhaltige Veränderung.

Praktische Umsetzung      
Die Einführung von CRA in unserer Klinik ließ aus der Forensischen Ambulanzarbeit und meiner früheren Tätigkeit in unserer Suchtambulanz für Alkohol- und Medikamentenabhängige das Angebot der hier vorgestellten »Therapeutischen Beratung« entstehen. Häufig waren bereits bestehende Kontakte zu den sDdJ hierfür sehr hilfreich. In der Anamneseerhebung lag ein wichtiger Punkt in der Erfassung der juristischen Situation der Patienten. Mit Beachtung dieses Bereichs stellte es sich keineswegs selten heraus, dass viele Patienten aktuell deswegen therapeutische Hilfe suchten, weil sie über ein gegen sie laufendes Verfahren Kenntnis erhalten hatten. Für die anstehenden Kontakte zum Gericht wollten sie ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle bringen.

Die angebotene medizinische Hilfe wurde mit dem Angebot der »therapeutischen Beratung« verknüpft. Die damit verbundene Perspektive war für viele interessant. Oftmals blieb für deren Nutzung aber entscheidend, ob die Patienten hierfür Hilfe erhielten. Zum Beispiel über deren Bewährungshelfer. Nach einer ambulanten oder stationären Entzugsbehandlung bzw. parallel hierzu erfolgte die Thematisierung der bestehenden Situation. Unter Anwendung von CRA-Modulen wurden Konsummuster analysiert und verdeutlicht.

Nach dem Erreichen einer Abstinenz wurden sich hieraus ergebenden Konsequenzen und Möglichkeiten verdeutlicht und besprochen, Vor- und Nachteile abgewogen, die momentane Lebenszufriedenheit in verschiedenen Bereichen eingeschätzt und Veränderungsmöglichkeiten überlegt. Auch hierfür wurde auf CRA-Arbeitsblätter zurückgegriffen. Bei gegebener medizinischer Möglichkeit (abhängig von internistischen Erkrankungen) wurde den Patienten zur Abstinenzsicherung auf deren Wunsch eine Behandlung mit Antabus® (Disulfiram) angeboten. Die Behandlung mit diesem Medikament führt bei Alkoholkonsum zu sehr unangenehmen Nebenwirkungen, wodurch bei gegebener Motivation Rückfällen sehr effizient vorgebeugt werden kann. Einschränkend ist bei Konsum von vor allem hochprozentigem Alkohol die Entwicklung von möglicherweise vital-gefährdenden Symptomen zu berücksichtigen.

Eine genaue Aufklärung des Patienten ist deshalb notwendig. Sehr bewährt hat sich die Verabreichung dieses Medikamentes durch eine nahe stehende, die Abstinenz unterstützende Person. Häufig ergab sich bei bestehenden Partnerschaften die jeweilige Partnerin als unterstützende Person. Unter Nutzung eines eingeübten Rituals wurde die Vergabe des Medikaments eine dadurch gemeinsam Aufgabe. Gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Verantwortung – wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen – wurden dadurch erlebt. Bei nicht bestehender Partnerschaft erhielt der Patient das Angebot der Unterstützung durch die Ambulanz oder andere hilfreiche Konstrukte.

Die Patienten erhielten initial auch die Information über die Möglichkeit einer Bescheinigung ihrer Leistungen für das Gericht. Ihnen wurde unmissverständlich angekündigt, dass darin die gesamte Entwicklung einschließlich Planung und Umsetzung dargestellt würde. In dann schon unmittelbarer zeitlicher Nähe zu der Hauptverhandlung wurde die Bescheinigung erstellt. Ein wesentlicher Punkt stellte dabei das mit dem Patienten durchgeführte Erarbeiten von möglichen Weisungen dar. Durch sie sollte die Weiterführung des bislang erfolgreichen Weges unterstützt werden. Grundlage waren bisherige Erfahrungen. Die Vorschläge sollten einerseits den Patienten nicht überfordern, andererseits für das Gericht deutlich machen, dass der Angeklagte zu effektiven und überprüfbaren Veränderungen bereit ist. Sie wurden sowohl inhaltlich als auch auf die Möglichkeit deren Überprüfung gemeinsam mit den sDdJ abgestimmt. Hiermit sollte die Möglichkeit für das Gericht eröffnet werden, eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung zu überprüfen.

Die bislang geschilderten Abläufe nahmen unterschiedlich lange Zeiträume in Anspruch. Der primäre Verlauf, aber auch die Bereitschaft des Gerichts schon in dieser Phase bei auftauchenden Schwierigkeiten Spielräume zu ermöglichen, beeinflussten diese.

Ergebnisse   
Während meiner Tätigkeit in der oben genannten Ambulanz für Alkohol- und Medikamentenkonsum wünschten ca. 20 Patienten Unterstützung nach Unterbreitung des Angebots. Vereinzelt erfolgte zusätzlich auf Wunsch von Mitarbeitern der sDdJ eine Kontaktaufnahme für die Beurteilung einer auffälligen Symptomatik, die jedoch in keinem Fall als psychiatrische Erkrankung imponierte. Aus diesen Erstkontakten ergaben sich keine Weiterbehandlungen. Von niedergelassenen Therapeuten wurden zwei Pat. mit allgemeinpsychiatrischer Diagnose überwiesen, denen bei gegebener Vorbehandlung keine therapeutisch sinnvollen weiteren Angebote gemacht werden konnten. Die Therapeuten profitierten dabei von der gegebenen »zweiten Meinung«.

Von den beratenen Patienten konnte die Hälfte ihre Planungen erfolgreich umsetzen und erhielt hierfür in der geschilderten Weise eine Bescheinigung für das Gericht. Sie wurden alle - trotz zuvor auch von den Mitarbeitern der sDdJ befürchteter Haftstrafe – zu Bewährungsstrafen verurteilt. Die Pat. erreichten alle – wenn auch trotz einiger Rückfälle - ihre Ziele und blieben mindestens über 1 Jahr, eventuell auch über mehr als 2 Jahre weiter straffrei. Inzwischen verlor ich zu den meisten dieser Patienten den Kontakt durch einen Wechsel meiner Arbeitsstelle.

Zu einigen Patienten blieb der Kontakt erhalten. So behandle ich einen nach §64 StGB verurteilten Patienten bislang abstinent (Alkohol) weiter, die Unterbringung war infolge der vorgeschlagenen ambulanten Möglichkeiten zugleich zur Bewährung ausgesetzt worden. Ein weiterer Pat. blieb auch nach Absetzen von Antabus inzwischen über mehr als 3 Jahre abstinent und straffrei. Durch die in der Abstinenz erarbeiteten beziehungsweise wiedergefundenen persönlichen Fähigkeiten füllt der Patient inzwischen seine Rolle als Partner, Familienvater und leistungsfähiger Arbeitnehmer erfolgreich aus.

Nach Wechsel meiner Arbeitsstelle in den Drogenbereich versuchte ich das erfolgreiche Angebot unter Fortsetzung der sich inzwischen etablierten Zusammenarbeit mit den sDdJ auch drogenabhängigen Patienten anzubieten. Die Erfahrungen mit inzwischen weit über 40 vorwiegend in Visiten auf der Drogenstation angesprochenen Patienten zeigten jedoch keine wesentliche Nutzung dieses Angebotes. Dabei bestanden gerade hierfür– zumindest aus unserer Perspektive – gut nutzbare Situationen, die auch schon mit uns offen thematisiert worden waren. Selbst durchaus persönlichere und als vertrauensvoll zu beschreibende Kontakte (die sich in anderen Situationen auch abbildeten) führten zu keiner Inanspruchnahme unserer Hilfe.

Erfolgreicher gestalteten sich zwei Kontakte, die speziell für eine therapeutische Beratung über die sDdJ angebahnt und begleitet wurden. In dem Seminar werden wir hiervon berichten.